Warum wird aus SWRCH10A plötzlich SWCH10A? Wo ist das „R“ geblieben?
Viele Kunden, die zum ersten Mal die Materialzertifikate der Creation Group sehen, stellen uns lächelnd eine Frage:
„Warum steht im Stahlwerkszertifikat SWRCH10A, während euer fertiges Prüfprotokoll plötzlich SWCH10A lautet? Wo ist das R geblieben?“
Jedes Mal, wenn wir auf diese Frage stoßen, antworten wir zunächst völlig ernst:
„Das R? Natürlich haben wir es gegessen!“ 😄
Daraufhin lachen die Kunden meist. Doch trotz des Lachens ist die eigentliche Antwort noch viel interessanter.
Eine scheinbar seriöse Scherzantwort
Innerhalb der Creation Group kursiert seit jeher ein „Branchengeheimnis“:
Im Stahlwerk entsteht Rod (Drahtstab), wobei das R für den Identitätsnachweis des Drahtstabs steht.
Nachdem der Rod bei der Creation Group eingetroffen ist, durchläuft er folgende Prozesse:
- Säubern
- Ziehen
- Kugelglühung
- Phosphatieren
- Schmieren
- Endbearbeitung
Nach dieser ganzen „Transformation“ hat das R schließlich seine historische Aufgabe erfüllt und wurde von uns „aufgezehrt“.
Am Ende erhält der Kunde keinen gewöhnlichen Rod mehr, sondern einen hochwertigen Fertigdraht (Wire), der direkt für das Kaltfließpressen verwendet werden kann. Somit geht das R in den wohlverdienten Ruhestand über.
Der wahre technische Grund
Natürlich handelt es sich hierbei lediglich um einen Branchenwitz. Der wirkliche Hintergrund liegt vielmehr in der japanischen Industrienorm JIS und deren Bezeichnungssystem für Stahlsorten.
Der für das Kaltfließpressen verwendete Stahl wird entsprechend seiner Produktform in zwei unterschiedliche Normen unterteilt:
Erste Stufe: Warmgewalzter Drahtstab aus dem Stahlwerk
Anwendungsbereich: JIS G 3507-1
Bezeichnung: SWRCH
Beispiele:
- SWRCH6A
- SWRCH8A
- SWRCH10A
- SWRCH22A
Das darin enthaltene R steht für Rod (Drahtstab) und signalisiert, dass das Produkt weiterhin als warmgewalzter Drahtstab gilt.
Zweite Stufe: Kaltfließpressdraht (Kaltfließpressfertigdraht)
Nach Verarbeitungen wie Säubern, Ziehen, Kugelglühung und Phosphatierung gehört das Produkt nicht mehr zum Bereich Wire Rod, sondern zum Cold Heading Wire.
Die anzuwendende Norm ändert sich zu: JIS G 3507-2
Auch die Bezeichnung wandelt sich entsprechend:
- SWCH6A
- SWCH8A
- SWCH10A
- SWCH22A
Hier fehlt das R naturgemäß. Es wurde nicht etwa weggelassen, sondern weil das Produkt vom Rod (Drahtstab) zum Wire (Draht) geworden ist.
Was besagt die Norm JIS G 3507 genau?
In der JIS G 3507-2 „Kohlenstoffstahldraht für das Kaltfließpressen“ ist klar festgelegt: Die Bezeichnung des Fertigdrahts (Wire) ist derjenigen des AusgangsMaterialien (Wire Rod) entsprechend anzupassen, wobei der dritte Buchstabe R gestrichen wird.
Beispiel:
| Stahlwerk-Rohmaterial (JIS G3507-1) | Fertigprodukt nach Umwandlung (JIS G3507-2) |
|---|---|
| SWRCH6A | SWCH6A |
| SWRCH8A | SWCH8A |
| SWRCH10A | SWCH10A |
| SWRCH22A | SWCH22A |
Demnach wird das R also nicht einfach weggelassen. Vielmehr erfolgt die Streichung gemäß der JIS-Norm, da sich die Produktform vom Wire Rod (Drahtstab) zum Wire (Draht) verändert hat und somit die Bezeichnung angepasst werden muss.
Warum verwenden manche Lieferanten weiterhin SWRCH10A?
In der Branche sieht man häufig, dass selbst nach der Kugelglühung auf den Prüfberichten der Kaltfließpressfertigdrähte noch immer SWRCH10A steht.
Genaugenommen beruht diese Schreibweise eher auf der Fortführung der Rohmaterialbezeichnung aus dem Stahlwerk. Gemäß der JIS G 3507 wäre jedoch für Produkte, die bereits kalt bearbeitet und als Kaltfließpressdraht geliefert werden, die Bezeichnung SWCH10A korrekter und spiegelt zudem den tatsächlichen Zustand des Produkts präziser wider.
Wie betrachtet die Creation Group dieses Thema?
Für uns mag zwar der Buchstabe R verschwunden sein, doch der Wert des Produkts hat sich deutlich erhöht.
Denn entscheidend für die Qualität eines KaltfließpressMaterialien ist niemals die Anzahl der Buchstaben in der Bezeichnung, sondern vielmehr jede einzelne nachfolgende Bearbeitungsstufe:
✔ Wurde gründlich gesäubert? ✔ War die Verformung beim Ziehen optimal? ✔ Ist die Gefügestruktur gleichmäßig ausgeglüht? ✔ Sind die Oberflächenbehandlungen stabil und zuverlässig? ✔ Stimmen die mechanischen Eigenschaften durchgehend? ✔ Erfüllen sie die Anforderungen der Kunden hinsichtlich Kaltfließpressen, Kaltumformung sowie späterer Wärmebehandlung?
Deshalb können Sie, wenn Sie wieder einmal gefragt werden: „Wo ist das R geblieben?“, getrost lächelnd antworten: „Das R ist nicht verlorengegangen, sondern hat lediglich seine Aufgabe als Drahtstab erfüllt und ist nun offiziell in den Ruhestand getreten. Den Rest übernehmen wir von der Creation Group und verarbeiten es zu hochwertigem Kaltfließpressdraht.“
💡 Kleines Wissenshäppchen (Grundlage: JIS-Norm)
Laut JIS G 3507 „Kohlenstoffstahl für das Kaltfließpressen“ gilt Folgendes:
- JIS G 3507-1: Für Kohlenstoffstahldrahtstäbe (Wire Rod), Bezeichnung SWRCH.
- JIS G 3507-2: Für Kohlenstoffstahldrähte (Wire) für das Kaltfließpressen, Bezeichnung SWCH. Diese ergibt sich aus der jeweiligen Drahtstab-Bezeichnung durch Weglassen des dritten Buchstabens „R“, um die Unterscheidung der Produktform zu ermöglichen.
Daher bedeutet SWRCH10A → SWCH10A nicht, dass sich das Material verändert hat, sondern dass das Produkt nach der Umwandlung vom warmgewalzten Drahtstab zum Kaltfließpressdraht gemäß der JIS-Norm eine andere Bezeichnung erhalten hat.
